Ein kompakter Kalkstock zwischen Lofer und dem Pillersee, keine zwanzig Kilometer lang – und trotzdem ein Gebirge, das man nicht an einem Wochenende erledigt. Die Loferer Steinberge haben keine Seilbahn, keinen Lift und keine Straße, die hineinführt. Wer hinauf will, geht. Was ihn oben erwartet: ausgewaschene Karstflächen, Dolinen, die im Berg verschwinden, über 500 Meter mächtiger Dachsteinkalk – und eine einzige Hütte mittendrin.

Sonnenaufgang über den Loferer Steinbergen – Blick von der Hütte über das Wolkenmeer im Tal

Wo die Loferer Steinberge liegen

Die Loferer Steinberge gehören zu den Nördlichen Kalkalpen und liegen genau auf der Grenze zwischen Salzburg und Tirol. Im Norden und Westen schneidet das Strubtal mit dem Pass Strub (675 m) die Gruppe vom Kaisergebirge und den Chiemgauer Alpen ab, im Osten begleitet die Saalach den Fuß der Berge, im Süden trennt der Römersattel (1202 m) sie von den Leoganger Steinbergen, im Westen liegen Pillersee und Rotache.

Rundherum die Talorte: Lofer (626 m) und St. Martin bei Lofer (633 m) auf der Salzburger Seite, Waidring (778 m), St. Ulrich am Pillersee (847 m) und Hochfilzen (959 m) auf der Tiroler. Von jedem dieser Orte führt ein Steig herauf – und jeder davon ist ein ordentlicher Anstieg.

In der Alpenvereinseinteilung bilden Loferer und Leoganger Steinberge zusammen die Gruppe 9, oft einfach „die Steinberge“ genannt. Verwechslungsgefahr im Ort: Die Loferer Alm gehört nicht zu den Loferer Steinbergen, sondern zur Steinplatte auf der anderen Talseite.

Übersichtskarte der Loferer Steinberge mit allen Gipfeln und Höhen, den Zustiegswegen 601 und 613 von Lofer, Waidring und St. Ulrich am Pillersee sowie der orange eingezeichneten Reifhorn-Überschreitung
Die Gruppe im Überblick: Gipfel, Kare und die Wege 601 und 613, die von Lofer, St. Martin, Waidring und St. Ulrich am Pillersee zur Hütte heraufführen

Die Gipfel

Weil die Gruppe so kompakt ist, liegen fast alle Gipfel im Umkreis weniger Gehstunden um die Hütte. Das ist der eigentliche Reiz: Man wohnt eine Woche an einem Ort und geht jeden Tag auf einen anderen Berg, ohne je das Quartier zu wechseln.

Loferer Steinberge von Süden im Winter
Die Loferer Steinberge von Süden: von links Rothörner, Mitterhorn / Hinterhorn, Westliches und Großes Reifhorn, Geislhorn, Großes Ochsenhorn und Skihörndl
GipfelHöheBeschrieben unter
Großes Ochsenhorn2513 mGipfeltour · Skitour · Klettern
Mitterhorn / Großes Hinterhorn2506 mGipfeltour · Skitour
Großes Reifhorn2488 mGipfeltour · Klettern · Überschreitung
Kreuzreifhorn2460 müber den Normalweg des Großen Reifhorns
Westliches Reifhorn2448 mSkitour
Breithorn2416 mSkitour
Rothörner2409 mSkitour
Rothörndl2394 mam Nuaracher Höhenweg
Nackter Hund2372 mKlettersteig
Mittleres Ochsenhorn2365 mSkitouren-Übersicht
Traunspitzl2300 mSkitour · Klettern
Geislhorn2297 mSkitour
Skihörndl2286 mSkitour

Kalk, Karst und kein Wasser

Die Loferer Steinberge sind von unten nach oben in Schichten gebaut, und diese Schichten erklären fast alles, was einem hier auffällt.

Ab etwa 600 Metern stehen die Werfener Schiefer an – rot, mürb und wasserundurchlässig. An ihnen tritt das Wasser aus, das oben im Berg versickert ist; deshalb liegen die Quellen am Gebirgsfuß und nicht in der Höhe. Darüber folgen ab rund 1100 Metern Ramsau- und Hauptdolomit, erosionsanfällig und schuttreich. Und obenauf sitzt der gebankte Dachsteinkalk, stellenweise 500 Meter mächtig – aus ihm bestehen die Gipfelaufbauten, die Wände und die Plateaus.

Karst: Wasser verschwindet nach innen

Kalk und Wasser ergeben Karst. Die Hochflächen und Kare sind übersät mit Dolinen, von denen manche mehrere hundert Meter tief hinabziehen. Die Entwässerung läuft unterirdisch – oben bleibt nichts stehen. Wer im Sommer über die Plateaus geht, findet zwischen Ochsenhorn und Wehrgrube keinen Bach und keine Quelle.

Auch die Hütte lebt damit: Ihr Wasser kommt aus Schneeschmelze und Regen, gesammelt und gespeichert. Wer hier oben duscht, würde jemand anderem das Trinkwasser wegnehmen – deshalb gibt es keine Duschen. Mehr dazu auf der Seite Hütteninfo.

Was unter den Steinbergen liegt

Was das Wasser mitgenommen hat, ist ein Höhlensystem, dessen Ausmaß erst seit den 1980er-Jahren allmählich klar wird. 1977 kannte der Kataster 28 Höhlen, 1996 waren es über hundert. Die größte ist der Loferer Schacht: Eingang auf 2200 Metern, über 10 Kilometer vermessene Gänge, 796 Meter Tiefe – erforscht von polnischen und Frankfurter Höhlenforschern über fast drei Jahrzehnte. Die bekanntere Prax-Eishöhle ist eine Durchgangshöhle und nur mit Führung begehbar.

Kare aus der Eiszeit

Die großen Mulden im Gebirge sind Gletscherarbeit: Große und Kleine Wehrgrube, Schneegrube, Ulricher Grube, Fellerer Sand. In den Eiszeiten reichte das Eis der Zentralalpen ringsum bis auf etwa 2000 Meter herauf – die Gipfel schauten als Inseln heraus. Ein kleines Dauerschneefeld zwischen Mitterhorn und Geiselhörnern hat sich bis heute gehalten.

Eine Hütte für ein ganzes Gebirge

Blick über das bewaldete Loferer Hochtal auf die Felsgipfel der Loferer Steinberge im Sommer
Das Loferer Hochtal – über den Weg 601 führt der kürzeste Zustieg zur Hütte

Mitten in diesem Gebirge, am Rand der Großen Wehrgrube auf 1966 Metern, steht die von-Schmidt-Zabierow-Hütte – die einzige Alpenvereinshütte der Loferer Steinberge. Sie gehört der Sektion Passau des Deutschen Alpenvereins und wurde am 9. September 1899 eingeweiht, nach nur zwei Monaten Bauzeit. Benannt ist sie nach Josef Schmidt, Edler von Zabierow, dem ersten Vorsitzenden der Sektion.

Dass es nur diese eine Hütte gibt, prägt das ganze Gebirge. Es gibt keine Hüttenrunde von Haus zu Haus, keine Etappenplanung – es gibt einen Stützpunkt, und von dem aus erschließt sich alles. Wer eine Woche bleibt, hat jeden Tag eine andere Tour vor der Tür.

Die vier Zustiege

Keiner davon ist kurz. Das gehört zu den Loferer Steinbergen dazu und ist ein Grund, warum es hier auch im August ruhig zugeht.

  • Loferer Hochtal, Weg 601 – der kürzeste und meistbegangene Anstieg, rund 1150 Höhenmeter, 3 bis 3½ Stunden.
  • Maria Kirchenthal bei St. Martin über den Schärdinger Steig, Weg 613 – 1200 Höhenmeter, etwa 4 Stunden.
  • Lastal bei St. Ulrich am Pillersee über das Wehrgrubenjoch, Weg 613 – 1300 Höhenmeter, etwa 4½ Stunden.
  • Strub bei Waidring über den Griesbachsteig und den Waidringer Nieder, Weg 601 – 1450 Höhenmeter, etwa 5 Stunden.

Die Hütte liegt am Europäischen Fernwanderweg E4; wer ihn geht, kommt ohnehin vorbei.

Das Jahr in den Steinbergen

Gipfelkreuz des Mitterhorns im Winter, im Hintergrund das Sonntagshorn
Gipfelkreuz des Mitterhorns im Winter – bei Inversionslage reicht der Blick weit ins Vorland

Dezember bis April

Geschlossene Schneedecke bis in die Täler. Skitourenzeit – das Loferer Skihörndl gehört zu den bekanntesten Zielen der Ostalpen. Die Hütte ist im Winter nicht bewirtschaftet; alle Touren sind Tagesunternehmungen vom Tal aus.

Mai und Juni

Der Schnee zieht sich zurück, die Klettersteige werden frei. In den Karen und Nordflächen liegen oft noch Reste. Ende Juni sperrt die Hütte auf.

Juli und August

Hochsaison für Klettern und Gipfeltouren – aber die Monate mit der stärksten Gewitterneigung. Früh losgehen ist hier keine Floskel, sondern die Regel.

September und Oktober

Die beste Zeit, wenn man uns fragt. Stabile Föhnlagen, milde Temperaturen, außergewöhnlich klare Sicht. Anfang Oktober schließt die Hütte.

Die Hütte ist von Ende Juni bis Anfang Oktober bewirtschaftet. Die genauen Termine der laufenden Saison und die aktuellen Verhältnisse stehen unter Aktuelle Bedingungen.

Was hier geht

ÜBER 100 ROUTEN · 4 BIS 9−

Vier große Wände rund um die Hütte: Hüttenwand, Blaue Wand, Ochsenhorn und Wirtshörndl – von der kurzen Sportkletterei bis zu 500 Meter langen Alpintouren.

GIPFEL · KLETTERSTEIGE · ÜBERGÄNGE

Gipfeltouren auf Ochsenhorn, Mitterhorn und Reifhorn, die beiden Klettersteige Wilder und Nackter Hund – und der Nuaracher Höhenweg, der die Gruppe in einem langen Tag überschreitet.

JÄNNER BIS APRIL · 8 TOUREN

Acht beschriebene Skitouren, vom Skihörndl bis zur Südwestrinne am Ochsenhorn. Keine Lifte, keine Pisten – und im Winter auch keine bewirtschaftete Hütte.

Wer hier zuerst war

Die touristische Erschließung begann in den 1830er-Jahren. Am 27. September 1833 stand Peter Karl Thurwieser als Erster auf dem Großen Hinterhorn. 1888 übernahm die Sektion Passau die Betreuung des Gebiets, 1897 gelang Cranz das Große Ochsenhorn, 1899 wurde die Hütte eröffnet. In der Zwischenkriegszeit erschlossen Kletterer wie Willy Merkl – der später am Nanga Parbat blieb – neue Routen in den Wänden; ab den 1960er-Jahren kamen die einheimischen Bergführer und Kletterer dazu, die den heutigen Bestand von über hundert Routen aufgebaut haben. Mehr davon auf der Seite Geschichte der Hütte.

Eine Kuriosität am Rand: Der östlichste Teil der Loferer Steinberge gehört zu den Saalforsten – bayerischem Staatsbesitz auf österreichischem Boden, ein Rest alter Salzhandelsverträge, den es so kein zweites Mal gibt.

Alpinistisch sind die Loferer Steinberge bis heute ein Nebenschauplatz geblieben. Es gibt keine Lifte, die Zustiege sind lang, und wer nicht gezielt herkommt, kommt nicht her. Genau deshalb ist es hier oben so, wie es ist.

Die Hütte ist der Schlüssel zu diesem Gebirge. Von Ende Juni bis Anfang Oktober bewirtschaftet, 22 Betten und 27 Lagerplätze, Reservierung online.

Was der Berg über sich selbst erzählt: geheimnisvolle Schächte, tiefe Dolinen und mythische Felsfiguren haben über Generationen Stoff geliefert. Zu den Stoaberg-Geschichten.